Wenn Handballer Blau sehen

Bei der Männer-WM im Januar gab es den Videobeweis schon, bei den Frauen diesmal nur kurz. Foto: dpa
Bei der Männer-WM im Januar gab es den Videobeweis schon, bei den Frauen diesmal nur kurz. Foto: dpa

Es gibt Leute, die bezeichnen Wasserball als Handball im Wasser. Tatsächlich gibt es einige Gemeinsamkeiten. Bei beiden Sportarten wirft man Bälle auf Tore, es ist eine starke Athletik und eine gute Mischung aus Technik und körperlichem Einsatz gefragt. Ich mag beide Sportarten und beide haben ja eine gewisse Bedeutung in der Region.

Aber es gibt auch viele Unterschiede. Nicht nur, dass man beim Handball nicht nass wird und mehr an hat. Beim Handball sind die Regeln, wenn auch vielleicht nicht bis ins letzte Detail, leichter zu verstehen als beim Wasserball. Auch, weil der Zuschauer mehr von dem sieht, was geschieht. Aber auch, weil die Verbände beim Wasserball in Sachen Regeländerungen ein bisschen – sagen wir mal sprunghafter sind als beim Handball.

Jetzt aber stehen auch beim Handball einige Änderungen an. Ich weiß nicht, ob der ehemalige Bundestrainer Vlado Stenzel sie alle gut findet. Der Mann, der am liebsten alles umkrempeln würde (und mich in einem Gespräch durchaus beeindruckt hat), würde wahrscheinlich noch viel weiter gehen.

Jedenfalls tut sich was im Handball, allerdings nicht sofort. Die Regeländerungen sind beschlossen, werden aber erst Mitte 2017 eingeführt. Mit einer Ausnahme – und auch wieder nicht. Jedenfalls war die Kehrtwende bei der gerade laufenden Frauen-WM spektakulär, als der eben erst eingeführte Videobeweis während des Turniers gleich wieder abgeschafft wurde, weil er im Spiel zwischen Frankreich und Korea zum Gegenteil dessen führte, was er eigentlich tun sollte – nämlich zu einer Fehlentscheidung. Dumm gelaufen. Vor allem, wenn das Spiel 22:22 ausgeht.

Naja, die Handballer im EZ-Land wird das mit dem Videobeweis weniger bewegen, zumindest was ihre eigene Spielwirklichkeit betrifft. Denn hier wird (im Gegensatz zum Wasserball) ja nicht Bundesliga oder Nationalmannschaft gespielt. In der Schelztorhalle wird auch in Zukunft keine Kamera an den Toren hängen. Aber die IHF plant ja noch mehr. Die neuen Regeln habe ich unten mal angehängt, so wie wir sie kürzlich in der EZ hatten.

Einige Änderungen finde ich sinnvoll, einige im Grunde gut, aber schwer zu pfeifen, und einige merkwürdig. Etwa die Sache mit der Blauen Karte. Die wird das Spiel nicht nur bunter, sondern auch verwirrender machen. Feldverweis ist Feldverweis, der Rest sollte dem Fingerspitzengefühl der Unparteiischen überlassen sein. Wie sagte der deutsche Schiri-Chef Peter Rauchfuß, der den Aufschub auf 2017 übrigens gut findet, so schön: „Ich suche noch einen Hersteller von Hosenträgern, damit die Hosen nicht rutschen, bei dem, was die Schiedsrichter alles in den Taschen haben müssen.“

Die anderen Regeln, siehe unten, sind ich eigentlich okay, auch wenn sie teilweise eher zu mehr als zu weniger Diskussionen führen könnten. Waren es bei gehobenem Arm jetzt wirklich sechs oder doch nur fünf Abspiele? Oder schon sieben? Reicht bei Behandlungen nicht ein Angriff zum Aussetzen (ähnlich wie beim Fußball)? Ist die Regelung für die letzten 30 Sekunden so wirklich durchführbar? Ich bin mir nicht so sicher.

Man muss erst mal abwarten, wie sich das im Alltag bewährt. Bin gespannt. Warum man aber bis 2017 wartet, obwohl man ja jetzt zum Schluss kommt, etwas ändern zu wollen, kapiere ich nicht so ganz. WM hin oder her. Erprobungsphase (die es bei der Junioren-EM ja schon gab) hin oder her. Ernstfall ist immer. Wenn man es will, muss man irgendwann damit anfangen.

Man könnte ja mal die Wasserballer fragen – die kennen sich mit neuen Regeln besser aus.

Eines ist jedenfalls sicher: An diesem Wochenende wird in den Hallen im EZ-Land nach den „alten“ Regeln gespielt. Auch am morgigen Sonntag in Wernau, wo die HCW-Frauen die des TSV Wolfschlugen zum Spitzenspiel der Württembergliga empfangen. BWOL-Absteiger gegen Dauer-Aufstiegsanwärter. Das wird spannen.

Hier zum besseren Mitreden die für den Beginn der Saison 2017/2018 geplanten Regeländerungen im dpa-Wortlaut:

Verletzte Spieler: Um Schauspielerei und Verletzungsunterbrechungen einzudämmen, soll die Zahl der Behandlungen auf dem Feld reduziert werden. Nur in berechtigten Fällen dürfen Ärzte und Physiotherapeuten aufs Feld. Wird er dort behandelt, muss der verletzte Spieler drei Angriffe seines Teams auf der Bank pausieren. Für ihn kann ein anderer Spieler aufs Feld. Betritt der Spieler das Feld früher, erhält er/sie eine Zwei-Minuten-Strafe. Ausgenommen sind zwei Fälle: Erstens Behandlungen von Torhütern nach Kopftreffern und zweitens, wenn der Gegenspieler nach einem Foul eine Bestrafung erhält, darf der Spieler/die Spielerin auf dem Feld bleiben.

Passives Spiel/Zeitspiel: Wenn die Schiedsrichter das Zeichen für Zeitspiel geben, darf die angreifende Mannschaft noch sechs Pässe spielen, bevor abgepfiffen wird und der Gegner den Ball erhält. Diese sechs Pässe werden auch dann nicht unterbrochen, wenn die gegnerische Mannschaft einen Wurf abgeblockt hat oder die Angreifer einen Freiwurf erhalten.

Besondere Regelungen für die letzten 30 Sekunden: Bereits in der Männer- und Frauen-Bundesliga wird seit dieser Saison die Neuregelung umgesetzt, die Fouls in den letzten 30 Sekunden betrifft – und nicht, wie 2010 von der IHF beschlossen, in der letzten Spielminute. Begeht ein Abwehrspieler in diesem Zeitraum eine grobe Regelwidrigkeit oder blockiert zum Beispiel einen Anwurf oder Freiwurf, erhält er/sie eine Rote Karte und – das ist neu – die angreifende Mannschaft automatisch einen Siebenmeter.

Blaue Karte: Um allen Beteiligten nach einer Roten Karte sofort klar zu machen, ob ein Zusatzbericht folgt, der dann im Falle der IHF eine Entscheidung der Disziplinarkommission nach sich zieht, werden die Schiedsrichter in solchen Fällen nach der Roten auch eine Blaue Karte zeigen.

Videobeweis: Als einzige Neuerung wird bei der Frauen-WM in Dänemark wie schon bei der Männer-WM im Januar in Katar der Videobeweis eingesetzt. Künftig kann er bei folgenden Situationen genutzt werden:
– Tor oder kein Tor
– Tor nach Ende der Spielzeit oder nicht
– Unfaire Aktionen im Rücken der Schiedsrichter
– Rote Karte gegen einen falschen Spieler
– „Rudelbildung“
– Bei Fragen, ob Spieler eine Rote oder Blaue Karte erhalten sollen
– Falscher Wechsel


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2 Antworten auf „Wenn Handballer Blau sehen“

  1. Es sind erst so wenige Kommentare geworden, seit man sich anmelden muss und nicht mehr anonym seine Meinung sagen kann. Ist schon traurig, daß sich so viele Leute nur dann äussern wollen wenn keiner weiß wer wirklich hinter den Aussagen steht. Ich fand es richtig, daß SP die Registrierung eingeführt hat-auch wenn es dadurch hier sehr ruhig geworden ist…